Die Stadtbibliothek Stuttgart, entworfen von Yi Architects, ist ein architektonisch markantes, monolithisches Bauwerk, das im Volksmund allerdings auch spöttisch als „Bücherknast“ bezeichnet wird. Dieser Spitzname bringt die Kritik an der äußeren Gestaltung auf den Punkt: Der graue Betonwürfel mit seiner strengen Symmetrie wirkt abweisend und erinnert mit seiner Rechteckigen Fassade mit Glasbausteinen eher an einen Gefängnisbau als an einen einladenden Ort des Wissens. Die Fassade schirmt das Innere sichtbar von der Außenwelt ab, was dem Gebäude den Charakter einer Festung verleiht und in der Stadt mit der Justizvollzugsanstalt „Stammheim“ verglichen wird. Die klare, fast schon minimalistische Architektur verleiht dem Bauwerk eine gewisse Massivität, die sich in einer Zeit, in der transparente und abwechslungsreiche Formen gewünscht sind, sperrig und kalt anfühlen kann.



Im Inneren dominiert ein viergeschossiger, leerer, kubischer Raum – das „Herz“ der Stadtbibliothek – der mit seiner kargen Gestaltung eher an eine Ausstellung purer Architektur als an eine lebendige Bibliothek erinnert. Die Atmosphäre wird von manchen Besuchern als steril und wenig einladend empfunden, was dem eigentlichen Zweck einer Bibliothek als Ort der Begegnung und des Verweilens widerspricht. Die minimalistischen Linien und die reduzierte Materialwahl bringen zwar klare Ordnung und Ruhe, doch fehlt es dem Raum an Gemütlichkeit und Wärme. Das ursprünglich als belebendes Element gedachte Wasserspiel in seiner Mitte ist mittlerweile eher zum Sinnbild für die technischen Mängel des Gebäudes geworden, da es seit Anfang an bis heute ständig defekt und gesperrt ist.
Kurz nach der Eröffnung wurden ernsthafte Probleme mit den Aufzügen deutlich: Zwar waren ursprünglich drei Aufzüge geplant, aus Kostengründen jedoch wurden nur zwei eingebaut, was sich bei 4 bis 5000 täglichen Besuchern bald als gravierender Fehler herausstellte. Häufige Ausfälle und die begrenzte Kapazität erschwerten den Zugang zu den oberen Stockwerken erheblich. Das Erklimmen der acht Stockwerke ohne funktionierende Aufzüge ist für viele Besucher mühsam, insbesondere für ältere Menschen oder Familien mit Kindern. Bei der Anordnung der Treppen wurde zudem offensichtlich mehr auf optische Aspekte geachtet als auf ernsthafte Nutzung, wenn die Aufzüge nicht funktionieren. Erst spät wurde ein dritter Aufzug nachinstalliert, doch anhaltende Wartungsarbeiten und Störungen prägen weiterhin den Alltag in der Bibliothek. Erst im Jahr 2024 musste das Gebäude für drei Monate komplett schließen, um die Aufzüge instand zu setzen.
Die Fassade der Stadtbibliothek Stuttgart weist mehrere Mängel auf. Besonders problematisch sind die Öffnungen und umlaufenden Wandelgänge zwischen der inneren und äußeren Doppelfassade, durch die Tauben ungehindert eindringen können. Die Vögel haben sich über lange Zeit in diesen Bereichen niedergelassen und verursachen durch ihre Hinterlassenschaften hygienische Probleme und Schäden an der Fassade. Die Stadt hat bereits Maßnahmen ergriffen, darunter der Versuch, durch einen Falkner mit Wüstenbussarden die Tauben zu vertreiben, sowie den Einsatz von Schutzgittern, um das Problem langfristig zu kontrollieren. Bei einem Besuch in diesen Tagen zeigt sich jedoch wenig Erfolg: Die Tauben scheinen inzwischen die tatsächlichen Hauptbewohner der Fassade zu sein.
Die automatischen Eingangstüren der Stadtbibliothek verursachten von Anfang an ebenfalls massive Probleme. Besonders bei starkem Wind schlugen die schweren Schwingtüren oft unerwartet zu und waren nur schwer zu öffnen, was zu Verletzungen bei Besuchern führte. Um diese Gefahren zu minimieren, wurden die Türen später gegen automatische Schiebetüren ersetzt, die sich als praktischer erwiesen weil sie nicht gegen den Winddruck öffnen. Diese Probleme wurden ursprünglich auf die Tatsache geschoben, dass die Bibliothek freistehend ohne andere Gebäude neben sich war, wobei dies war ja schon abzusehen wenn neue Gebäude damals noch nicht mal in Planung waren und sollte daher eigentlich nicht überrascht haben. Dass diese Tatsache nicht schon eingeplant war reiht sich meiner Meinung nach daher in die lange Liste der klaren Planungsmängel ein.
Ein weiterer kritischer Punkt ist der Rostbefall an der Beton- und Glasbausteinfassade. Bereits kurz nach der Eröffnung im Jahr 2011 traten erste Rostschäden auf, die immer wieder Reparaturen und Sanierungen notwendig machen. Rostspuren und braune Abläufe trüben das Erscheinungsbild des ansonsten optisch beeindruckenden Würfelbaus.
Auch das Klima rund um die Fassade bereitet Schwierigkeiten. Die klimaaktivierte Doppelfassade heizt sich im Sommer stark auf, weshalb die begehbaren Außenbereiche oft nicht nutzbar sind. Diese Erwärmung sowie die minimale natürliche Belüftung führen dazu, dass die Außengänge und Terrassen wegen Überhitzung nur selten nutzbar sind.
Die Fassade ist zwar architektonisch innovativ und bietet mit ihrer Doppelschicht Schutz und Licht, jedoch führt die Kombination aus Taubenproblemen, Rost und sommerlicher Aufheizung zu erheblichen funktionalen Einschränkungen und einem gesteigerten Wartungsaufwand.
Ursprünglich stand die Stadtbibliothek Stuttgart hoch oben auf einem Hügel und erinnerte damit an den Geldspeicher von Dagobert Duck – ein eigenständiger, markanter Monolith, der weithin sichtbar und erhaben erschien. Diese Einzigartigkeit verlieh der Bibliothek eine besondere Präsenz, die sie als kulturelles Wahrzeichen Stuttgarts unverwechselbar machen sollte.


Mittlerweile ist das Umfeld der Stadtbibliothek durch zahlreiche Neubauten stark gewachsen. Die ehemals singuläre Präsenz auf dem „Berg“ ist heute von anderen Gebäuden umschlossen fast schon eingezwängt, sodass die Wirkung des monumentalen Solitärs deutlich verloren hat. Der einst herausragende Blick auf den markanten „Bücherwürfel“ über der Brachfläche ist überbaut, und die Architektur kann ihre imponierende Wirkung nicht mehr so entfalten wie zu Beginn – was allerdings ja durchaus geplant war. Die Stadtbibliothek wirkt nun eingebettet und erschöpft sich zunehmend im urbanen Kontext, was die (nachts blau leuchtende) Strahlkraft des Bauwerks meiner Meinung nach ziemlich schmälert.



Zusammenfassend bleibt die Stadtbibliothek Stuttgart ein Bauwerk, das stark polarisiert: Einerseits eine technische und architektonische Meisterleistung mit beeindruckenden Raumqualitäten, andererseits geprägt von funktionalen Schwächen und einer Gestaltung, die viele Besucher als „Bücherknast“ erleben – ein Ort, der trotz seines anspruchsvollen Designs gemessen an der Nutzerfreundlichkeit noch vieles vermissen lässt. Dieses Spannungsfeld zwischen ästhetischem Anspruch und praktischer Umsetzung macht die Bibliothek zum faszinierenden, aber auch umstrittenen Wahrzeichen Stuttgarts.


Neben all diesen Themen bleibt dieses Gebäude trotzdem ein ziemlich einzigartiges Gebäude, das teils auch zu vielerlei kreativer alternativer Nutzung einlädt.
Archivbilder: zwei Baustellenführungen 2011 / RoWo Protestaktion 2011 / Eröffnungsfeier 2011 / Trauung und Shooting als Beispiel Alternativer Nutzung
( Alexander Schäfer auf schaeferweltweit.de )










































































