Der 60. Martinstag …

Martin Perscheid wäre heute 60 Jahre alt geworden – der Tag, an dem Er „offiziell alt“ geworden wäre, mit grauen Schläfen, Prostata-Checks und dem obligatorischen „In meiner Jugend war alles besser“-Gebrabbel. Aber nein, 2021 hat er kurzerhand entschieden: „Nee, zu langweilig, ich steig aus, bevor die ersten Zoom-Call-Alpträume mit Rentner-Discount starten!“ Typisch Martin – immer einen Schritt voraus, immer der, der den Abspann vor den Vorspann dreht.auf

Seine Cartoons waren nie Streichelzoo. Sie waren eher Safari mit freilaufenden Wahrheiten. Während andere Künstler Blumen malten, zeichnete Perscheid den Komposthaufen darunter – mit einem Schild: „Willkommen im echten Leben.“ Seine Figuren hatten diese wunderbar trockene Mischung aus Weltuntergang und Kaffeepause. Als würde jemand sagen: „Die Menschheit geht unter – aber erst nach dem Tatort.“

Zum 60. hätte man ihm vermutlich eine Lesebrille geschenkt. Nicht, weil er sie gebraucht hätte – sondern damit er noch genauer die Absurditäten unserer Gesellschaft sezieren kann. Wobei: Er hatte diesen Röntgenblick für Doppelmoral, Selbstbetrug und das allgegenwärtige „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ von Natur aus. Und zack – war es gezeichnet. Und es tat weh. Und wir lachten trotzdem. Oder gerade deshalb?

Schön das wir alle heute in eine tolle Ausstellung seines Lebenswerkes gehen können und all das geniesen was er uns hinterlassen hat. Beispielsweise auch diese kleine Cartoon Serie die ich zufällig in der Caricatura Frankfurt am Samstag fand. Sie wurde bisher noch nie veröffentlicht – ist also für sich etwas ganz besonderes zum heutigen Martinstag. (Btw. auch wenn man zuerst denkt „Greta – da war doch was!?“ – nein die Cartoons sind von 2014 also 4 Jahre bevor man das erste mal von „der Greta“ etwas hörte) 

 

( Alexander Schöfer auf schaeferweltweit.de )